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Wien, bevor die Reisebusse die Ringstraße füllen

Unsere Redaktion sitzt im 22., am Wasser. Die Stadt, die man fotografiert, beginnt drei Bezirke weiter. Dazwischen liegt der Alltag, und der ist der bessere Einstieg.

Stephansdom in Wien unter klarem Himmel
Dachziegel, Stephansplatznicht um zwölf
Stephansdom im Abendlicht
dieselbe Fassade, anderes Lichtnach 19 Uhr

Um acht Uhr dreißig ist der Stephansplatz noch ein Platz und kein Durchgangslager. Die Pflasterfugen sind nass, ein Mann schiebt Kisten in eine Gasse, in der später Souvenirschals hängen. Wenn Sie den Dom sehen wollen, kommen Sie jetzt. Um elf ist er Kulisse für Gruppenfotos, auf denen niemand den Bau kennt, nur das Wort Wien im Bildtitel.

Wir trinken den ersten Brauner nicht dort, wo die Speisekarte fünf Sprachen hat. Sondern in Lokalen, in denen die Zeitung noch auf einem Holzstab hängt und die Bedienung fragt, ob der Kleine stark genug war. Wer „Wiener Kaffeehauskultur“ als Checkliste abhakt, verpasst genau das: dass man hier sitzen darf, ohne etwas abzuhaken.

Die Donau in Wien ist kein Postkartenfluss. Sie ist breit, nützlich und im 22. zum Greifen nah.

Vom Fischerstrand aus ist die Alte Donau Arbeitsweg, nicht Destination. Radfahrer, ein Hund, der das Wasser kennt, jemand mit einer Semmel in der Papiersackerl-Falte. Wenn Gäste uns fragen, „wo Wien am wienhaftesten ist“, schicken wir sie nicht zuerst zur Hofburg. Wir schicken sie in eine Straßenbahn, Linie egal, Hauptsache Fenster, und sagen: Steigen Sie aus, wenn die Fassaden aufhören zu posieren.

Drei Gänge, die nicht im Folder stehen

Früh: Naschmarkt vor den Ständen mit den vorgedruckten Preisschildern für Reisegruppen. Die hinteren Gassen riechen nach Kaffee und nassem Karton. Kaufen Sie Obst, das nach etwas schmeckt, nicht nach Display.

Mittag: Ein Beisl, in dem die Tageskarte handgeschrieben ist. Wenn „Schnitzel“ das einzige Wort ist, das Sie erkennen, sind Sie falsch. Wenn „Frittaten“ vorkommt, bleiben Sie.

Abend: Nicht das Konzert, das auf jedem Rucksackstecker klebt. Ein Hof, ein Heuriger am Stadtrand, Wein, der nicht nach Event schmeckt. Die Stadt hat Ränder, und die Ränder haben Zeit.